Orientierungslos: Verstehen, was in einem vorgeht

Wie es dazu kam

Gegen Ende der Lehre, mit 20, war ich zunehmend genervt. Zwar war es meine Idee gewesen, eine Verkaufslehre zu machen, aber alles ging mit zunehmend auf den Wecker: Die Kunden mit ihren ständigen Sonderwünschen, meine Chefin, die mich mit ihren Launen und Ansprüchen schier in den Wahnsinn trieb und der ich es nie recht machen konnte, die Berufsschule und die Aufgaben, die neben der Arbeit ja auch noch erledigt werden mussten und die Kolleginnen, die untereinander und bei Männer besser ankamen. Zunehmend fühlte ich mich unterlegen, hatte Mühe zur Schule und zur Arbeit zu gehen, fehlte mehrmals ohne triftigen Grund und wurde deshalb sogar beinahe von der Schule geworfen. Mein Freund warf mir vor, mich wie eine egozentrische Zicke zu benehmen, die sich nicht beherrschen konnte. Ich fand, dass er als selbstverliebter Egoist ohnehin mehr Herz für den Fussball und seine Kollegen als für mich hatte. So gingen wir schliesslich im Streit auseinander.

Zuhause kam es immer öfter zu Zankereien mit der Mutter und zu Meinungsverschiedenheiten mit dem Vater, der sich häufig gereizt zurückzog. Auch meine Geschwister waren eine Qual für mich. Vor allem meine beiden Brüder. Meine ältere Schwester fragte zwar oft besorgt nach, was los sei, aber irgendwie konnte ich es nicht richtig sagen. Am wohlsten war es mir, wenn ich allein war. Aber sogar dann war meine Stimmung oft auf dem Nullpunkt, ich war nervös und gereizt, ohne Perspektiven, überfordert und all den Anforderungen nicht gewachsen. So viel Selbst-Ablehnung, so viel Unbehagen, so viele Missverständnisse. Was war los mit mir?

 
Die Situation spitzte sich zu

Beruhigen konnte ich mich nur mit Alkohol und je länger je mehr entdeckte ich, dass Essen eine beruhigende Wirkung auf mich hatte. So begann ich bei Spannungen zu essen, in immer grössen Mengen. Da ich dabei natürlich zunahm, „entdeckte“ ich schliesslich das Erbrechen als Gegenmittel: Am Abend mehrfach grosse Mengen in mich reinstopfen und mich dann übergeben… Das linderte kurzzeitig meine Spannungen. Hinterher fühlte ich mich jedoch noch schlechter. Und die Situation zu Hause wurde noch angespannter: die Einkäufe kosteten viel Geld und Zeit und meine Eltern ärgerten sich über das Essen, das verschwand. Aber keiner begriff, was mit mir los war.

Vom Lehrabschluss erhoffte ich mir eine Entlastung. Ich fand eine eigene Wohnung mit zwei netten Mitbewohnerinnen und eine bessere Stelle. Aber in den darauf folgenden zwei Jahren kam ich nicht aus dem Strudel von Essen und Brechen heraus. Ich zog mich zurück, blieb einsam und unglücklich, gefangen in einem Chaos von Stimmungsschwankungen, Wutausbrüchen, Unsicherheit, Grübeleien und Ess-Brechanfällen. Auf Rat einer Freundin suchte ich sogar eine ambulante Therapeutin auf und begann eine Gesprächstherapie. Ich fand sie zwar nett und war froh, mit jemandem zu reden, aber es ging mir nicht wirklich besser. Die Alltagsprobleme blieben bestehen. Auf Ihren Rat und nach längerem Abwägen, machte ich schlussendlich einen Termin zu einem Vorgespräch in der Klinik Schützen ab und trat kurze Zeit später einen stationären Aufenthalt an.

 
In der Klinik

In den ersten Tagen fühlte ich mich in der Klinik recht verloren, rasch aber fand ich Anschluss, dank den vielen Gruppentherapien. Am Anfang wendeten meine Psychiaterin und ich in der Psychotherapie viel Zeit dafür auf, meine Situation besser zu erfassen. Schliesslich eröffnete sie mir erstmals meine Diagnose: Ess-Brechattacken, Panikattacken mit sozialphobischen Ängsten sowie eine emotionale Instabilität bei einer Adoleszenzproblematik, also einer Krise im jungen Erwachsenenalter. Für mich war dies ein sehr klärendender Schritt: nachdem ich zuvor alles als diffus und überfordernd erlebt hatte, verstand ich nun, was in mir vorging und ich erkannte, dass mich die Ärzte und Therapeuten nicht für verrückt hielten, sondern verstanden. Dies gab eine gute Basis für eine klare Behandlungsplanung. Die verschiedenen Gruppentherapien der Abteilung zielten auf einen besseren Umgang mit und auf die Überwindung der Krankheit, Angstabbau, verbesserte Selbstwahrnehmung und Kommunikation sowie auf die Verarbeitung belastender Erfahrungen. Die Therapie wurde mit verschiedenen symptomzentrierten Methoden ergänzt: Trainings gegen Essstörungen, Expositionstrainings zur Angstbewältigung, Skills-Training zur emotionalen Stabilisierung. Und ich setzte mich mit Themen des Erwachsen-Werdens und mit mir als Person auseinander, auch in Gesprächen mit der ganzen Familie. Es half! Ich blieb zehn Wochen im Programm und beim Austritt war Vieles besser, aber noch nicht alles überwunden.

 
Ein Jahr später

Heute geht es mir deutlich besser. Nach dem Austritt hatte ich zuerst noch etwas Mühe, die Klinik mit den vielen engagierten und freundlichen Menschen war mir erstaunlich wichtig geworden und hinterliessen schon eine Lücke. Aber die positiven Erfahrungen gaben mir längerfristig die Kraft, nicht locker zu lassen. Noch ist die Symptomatik vollkommen überwunden: Die Ängste und das Vermeidungsverhalten sind zwar fast weg, gelegentlich habe ich aber noch Ess-Brechattacken. Glücklicherweise viel weniger häufig. Und ich fühle mich ruhiger und zuversichtlicher. Zum Glück habe ich in der Klinik nicht nur Fortschritte gemacht, sondern auch das Leben nach dem Aufenthalt gut vorbereitet, um dem Neuen eine Chance zu geben. Der Wiedereinstieg in den Berufsalltag ist mir gelungen. Die ambulante Therapie besuche ich nachwievor und kann sie nun wirklich nutzen; sie hilft mir, meine Symptome weiter abzubauen und mich weiterzuentwickeln. Dank den Kontakten zu Kolleginnen und den Aktivitäten, die ich von der Klinik aus aufgebaut habe, gestalte ich meine Freizeit sinnvoller und mit viel Freude. Mit zwei ehemaligen Mitpatientinnen stehe ich noch im Kontakt, es haben sich richtige Freundschaften entwickelt. Und im Umgang mit mir selber bin ich geduldiger und netter geworden. Ich bin auf gutem Weg!

 
 

 


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