Depression: Nacher war alles anders

Die Vorgeschichte

Ein Sturz von einer Leiter mit 58 Jahren warf mich aus der Bahn. Dabei hatte ich in meinem Leben immer alles gemeistert, und zwar aus eigener Kraft - auch grosse Herausforderungen. Und nun dieser tiefe Fall…

Aufgewachsen in einer Familie mit vielen Geschwistern, absolvierte ich nach der Schule eine Lehre im Verkauf, weil ich regelmässigen Kontakt zu Menschen suchte. Früh zog ich von Zuhause aus, arbeitete an verschiedenen Orten in der ganzen Schweiz, auch im Welschland, und führte dabei ein unabhängiges, abwechslungsreiches und fröhliches Leben. Mit gut 30 heiratete ich nach einigen Monaten Bekanntschaft meinen Mann, der auch im Verkauf tätig war. Seine Eltern führten ein eigenes Mode-Geschäft, das wir einige Jahre später übernehmen konnten. Nach kurzer Zeit kam unsere Tochter zur Welt; sie bereitete mir, in einer Zeit mit viel Arbeit, grosse Freude. Nach rund 22 Jahren Ehe und nach dem Auszug der Tochter wurde eine Scheidung für mich unvermeidlich. Mein Mann hatte sich während all den Jahren – trotz all meinen Versuchen, dies zu ändern – immer weniger um das Geschäft, unsere Tochter und mich gekümmert und sich stattdessen dem Alkohol zugesprochen. Ich zog weg und baute ein neues Leben auf. Als selbständige Haushaltshilfe verdiente ich meinen Lebensunterhalt, schaute regelmässig nach meinen Enkelkindern, pflegte den Kontakt zu meinen Geschwistern und hatte verschiedene, auch jüngere Kolleginnen und Freundinnen, die ich in der Betreuung ihrer Kinder unterstützte. Ich galt als die „Grossmutter für alle“ und war mit meinem neuen Leben zufrieden.

 
Die Diagnose

Und dann, bei der Arbeit, dieser Sturz von der Leiter. Nach der Operation des Oberschenkelbruchs hatte ich anhaltend Schmerzen und musste über mehrere Wochen im Spital bleiben. Lange wurde ich als Schmerzpatientin verkannt. Dann endlich stellten die Ärzte einen Beckenbruch fest, auf welchen die Schmerzen zurück zu führen waren. Von da an ging es, dank einer gezielten Behandlung, körperlich langsam wieder aufwärts. Ich konnte jedoch über Monate nicht arbeiten, wusste nicht, ob dies überhaupt je wieder möglich sein würde, und mich plagten viele Sorgen: Es stellte sicher heraus, dass ich gegen Arbeitsausfall schlecht versichert war und so musste ich von meinem wenigen Ersparten leben, das rasch bedrohlich wegschwand. Meine Freundinnen und meine Geschwister kümmerten sich kaum um mich. Zunehmend fühlte ich mich allein und verlassen, traute mir nicht mehr zu, nochmals ein neues Leben aufzubauen; ich befürchtete vom Sozialamt abhängig zu werden. Eine beschämende und einengende Vorstellung! Der Hausarzt riet mir, einen Psychiater aufzusuchen, aber ich wehrte mich lange dagegen; ich fühlte mich nicht psychisch krank. Schliesslich willigte ich doch ein. Der Psychiater stellte eine Depression fest. Mit seiner Hilfe verstand ich nach und nach seine Diagnose. Es wurde mir verständlich warum ich nur noch schwarz sah, kaum mehr Energie hatte, ständig über meinen Problemen brütete, nervös war, nicht abschalten und nur wenig schlafen konnte. Sogar mit Selbstmordgedanken spielte ich. All dies hatte ich nicht als Depression interpretiert, sondern als unausweichliche Folge meiner misslichen Situation. Trotz der gewonnenen Erkenntnis, halfen mir die ambulante Behandlung und ein Antidepressivum nicht genügend. So war ich nach einem Vorgespräch schliesslich bereit, in die Klinik Schützen einzutreten.

 
In der Klinik

Es tat gut, nicht die einzige zu sein, die Probleme hatte. Die Mitpatientinnen und Mitpatienten waren zum Glück meist nett und offen, das Personal verständnisvoll und hilfsbereit. Zuerst planten wir die Therapien so, dass ich mich körperlich und psychisch wieder aufbauen konnte. Die Psychiaterin half mir, meine Depression besser zu erkennen. Ich lernte mich weniger zu fordern und gleichzeitig meine Energie für positive Aktivitäten zu nutzen. Auch die Dosierung der Antidepressiva-Medikamente wurde angepasst; so konnte ich bald wieder schlafen, und meine Kraft kehrte nach und nach zurück. Die Ärztin, die Physiotherapeutin, die Körpertherapien und das Fitnesstraining halfen mir, Schmerzen abzubauen, meine Kondition und Beweglichkeit schrittweise zu verbessern und körperlich aktiver zu werden. Die Kunsttherapie überraschte mich – jahrzehntelang hatte ich nicht mehr gemalt. Nun entdeckte ich, wie ich dabei vieles klarer auszudrücken vermochte und mit Freude Bilder entstanden.. Ich gewann an Zuversicht, wurde aber auch nachdenklich: Warum hatten sich in der Krankheit so wenige meiner Freundinnen um mich gekümmert? Was ist mir für mich wichtig in den kommenden Jahren, , wie könnte und wollte ich mein Leben nach dem Austritt gestalten? Ich war froh um Unterstützung in diesen Fragen: in den psychotherapeutischen Gesprächen, im Austausch mit meiner pflegerischen Bezugsperson, im Gespräch mit dem Sozialarbeiter, der mir half meine finanzielle Situation zu klären., Sehr hilfreich waren ausserdem die spezialisierten Therapien zum Wiedereinstieg in die Arbeit.

 
Ein Jahr später

Ich bin wieder als Haushalthilfe tätig und finanziell unabhängig – dafür bin ich sehr dankbar. Auch körperlich bin ich wieder in guter Verfassung und die Depression ist weitgehend überwunden. Dabei haben mir nach dem Austritt die ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung bei meinem Psychiater und Antidepressiva-Medikamente geholfen. Aufgrund der Erfahrung, dass ich in vielem allein stehe, habe ich einiges in meinem Leben und im Umgang mit mir selber verändert: Ich bin nicht mehr einfach nur für andere da, sondern nehme vor allem meine eigenen Bedürfnisse wahr und kümmere mich um mich selber. Meinen Freundinnen und meinen Geschwistern musste ich mein neues Verhalten in vielen Gesprächen erklären. Dies ist mir nicht immer leicht gefallen. Mit einigen Menschen hat dies zum Bruch geführt, aber die meisten verstehen und unterstützen mich; sie sind froh, wenn ich klarer signalisiere, was mir wichtig ist. So hat mir die Therapie geholfen, nicht nur die Depression zu überwinden und mein Leben wieder aufzugleisen, sondern ich fühle mich heute stärker und mit meinem Umfeld tiefer verbunden. Ich bin zufriedener als früher.

 
 

 


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