Burnout: Zu einer neuen inneren Haltung

Wie es dazu kam

Endlich konnte ich – mit 45 Jahren - meinen grossen Berufs-Traum verwirklichen. Über 10 Jahre hatte ich bei einer grossen Firma gearbeitet, dort stets grosses Lob erhalten und als Zugpferd gegolten. Dennoch gefiel mir meine Aufgabe immer weniger: Ich hatte mich zunehmend um schwierige, stockende Projekte zu kümmern und all die Auseinandersetzungen frustrierten mich immer mehr – zumal dann, wenn die Projekte dann wieder flott liefen, meist andere die Früchte meiner Arbeit ernteten. Ich träumte davon, selbständig zu arbeiten, selber gestalten zu können und mein eigener Herr und Meister zu sein. Da bot sich mir vor vier Jahren die Chance, ein kleines Architekturbüro zu übernehmen. Ich griff begeistert zu. Zwei Kollegen, die ich aus langer Zusammenarbeit kannte, wechselten aus dem früheren Betrieb zu mir.

Es lief gut an, wir waren ein produktives Team, mit innovativen Ideen und viel Enthusiasmus. Wir entwickelten gute Projekte und beteiligten uns an Wettbewerben. Aber ich war ständig unter Druck: Die Bewerbungen erforderten viel Zeit, die nicht entschädigt war, ausser wenn daraus Aufträge resultierten. Dies war leider nur selten der Fall. So geriet ich zunehmend finanziell unter Druck: viel Arbeit, wenig Einkünfte.Ausserdem musste ich die Fixkosten für die Mitarbeiter und die Mieten laufend zahlen. Ich versuchte dies mit eigenem Mehreinsatz zu kompensieren, arbeitete Tag und Nacht, auch an Wochenenden, gönnte mir kaum noch Freizeit oder Ferien. Meine Familie reklamierte, ich sei zu viel abwesend. Ich verwies darauf, dass die Startphase bald überwunden sei und ich dann wieder mehr Zeit haben würde.

 
Die Situation spitzte sich zu

Im letzten Frühjahr kamen wir zusätzlich unter Druck. Nicht nur, dass wir verschiedene Projekte abzuschliessen hatten, nein, eine meiner Mitarbeiterinnen fiel wegen Komplikationen in der Schwangerschaft von einem Tag zum anderen aus. Ich versuchte diesen Engpass mit noch mehr Eigeneinsatz zu kompensieren. Aber es wurde mir zu viel: Ich war nervös, erschöpft, hatte Mühe abzuschalten und konnte mich sogar an Wochenenden ohne Arbeit nicht mehr richtig erholen. Mir gingen die kreativen Ideen verloren, Ich spulte nur noch mein Programm ab, war langsamer und weniger leistungsfähig, fühlte mich müde, leer und unkonzentriert, vergass viel und hatte häufig Kopfschmerzen. Auch hatte ich kaum noch Geduld für die Kinder und reagierte bei Schwierigkeiten rasch gereizt. Schliesslich geriet ich in eine stetig zunehmende Erschöpfung, konnte kaum noch schlafen, empfand meine ganze Lage als überfordernd und aussichtslos. Erst nach langer Motivationsarbeit durch meine Frau liess ich mich vom Hausarzt untersuchen. Körperlich sei alles in Ordnung, aber er stelle ein Burnout fest, eine Erschöpfungsdepression. Obwohl ich das irgendwie geahnt hatte, erschreckte mich diese Diagnose; ich hatte zwar die Zeichen gesehen, aber nur als Belastungszeichen und nicht als Krankheit interpretiert. Der Hausarzt schrieb mich krank und überwies mich an einen ambulanten Psychiater. Doch ich konnte diese Entlastung nicht nutzen, fühlte mich nutzlos, als Gescheiterter, kreiste in Gedanken ständig um die Arbeit, zog mich zuhause zurück und konnte nicht abschalten. Weil alles noch schlimmer wurde, riet mir mein Psychiater zu einer Behandlung in der Klinik Schützen in Rheinfelden. Zuerst war dies für mich ein zusätzlicher Schock – ich sah mich nun erst recht als Versager. Doch meine Frau doppelte nach; auch sie riet zu einem Klinikaufenthalt. Die Homepage der Klinik wirkte, entgegen meinen Befürchtungen, nicht abschreckend. So erklärte ich mich zu einem unverbindlichen Vorgespräch in der Klinik Schützen bereit.

 
Das Vorgespräch

Zum Glück begleitete mich meine Frau zum Vorgespräch; das machte es mir etwas leichter. Vom ersten Augenblick an überraschte mich die Klinik; von aussen sah ich nur das stattliche Gebäude Hotel Schützen mit einer schönen Parkanlage und einem einladenden Gartenrestaurant. Doch wo war die Klinik? Erst später verstand ich: Das Restaurant befindet sich im Parterre, die Zimmer und Aufenthaltsräume der Klinik im 1. und 2. Stock und die Zimmer für die Hotelgäste im 3. Stock. Die Oberärztin, die das Vorgespräch führte, wirkte mit ihren Fragen, ihrem Interesse und ihrer Erfahrung beruhigend. Sie vermittelte mir, wie sie meine Situation verstehe und wie die Behandlungen während des Klinikaufenthalts helfen würden. Der anschliessende Einblick in die Abteilung baute meine Vorurteile und Ängste weiter ab: So schwer es mir fiel, hier konnte ich mir vorstellen einzutreten, um weiterzukommen und zu genesen.

 
In der Klinik

Die Klinik holte bei der Krankenkasse die Kostengutsprach ein und ich konnte eine Woche nach dem Vorgespräch eintreten. Mein Klinik-Aufenthalt dauerte 5½Wochen – länger als ich mir dies vorgestellt hatte, doch es scheint mir heute kurz gemessen an all dem, was in dieser Zeit geschehen ist. Am Anfang stand für mich im Vordergrund, nicht zu verzweifeln und wieder etwas Kraft, Ruhe und Zuversicht zu gewinnen. Dabei halfen mir die Pflegefachpersonen, die rund um die Uhr anwesend waren und die sich viel Zeit für Gespräche nahmen, die Einzelpsychotherapie bei meiner Ärztin und der Austausch mit anderen Patienten in der Gruppe und auf der Abteilung. Diese vermittelten mir Hoffnung, denn ich hörte und sah, wie viele Fortschritte sie gemacht hatten. Sogar zur Einnahme von Antidepressiva konnten mich meine Ärzte mit Geduld und sorgfältig vermittelten Information motivieren. Zum Glück, denn ich denke, diese Medikamente verhalfen mir wieder zu etwas mehr Energie. Ich bewohnte ein schönes Einzelzimmer und zog mich manchmal dorthin zurück. Mehr und mehr ging ich auch gerne in die Gruppentherapien. Ich lernte es zu schätzen und zu geniessen, nicht arbeiten zu müssen, abschalten zu können; ich begann mich im schönen und gepflegten Ambiente der Hotelräumlichkeiten wohl zu fühlen und auch das feine Essen und den gleichzeitig lebhaften Austausch mit anderen Patienten zu geniessen. Den Körpertherapien stand ich anfangs etwas skeptisch gegenüber, aber dann erlebte ich, wie ich mit Entspannungsmethoden besser abschalten konnte. Mit Physiotherapie und Massagen bildeten sich meine Schmerzen und Verspannungen zurück, und in Akupressur und Tai-Chi begann ich meinen Körper und seine Bedürfnisse wieder zu spüren. In der Kunsttherapie konnte ich meine Ängste und Hoffnungen bildlich darstellen und so verstehen – obwohl ich seit Jahren nicht mehr gezeichnet oder gemalt hatte. In den psychotherapeutischen Gesprächen begann ich zu verstehen, dass ich nicht einfach das Opfer einer beruflichen Belastungssituation geworden war, sondern selber die Belastungen mit eigenen hohen Ansprüchen, geringer Flexibilität und fehlender Selbstsorge noch verstärkt hatte. Ich entdeckte, wie sehr ich unter dem ganzen Arbeits-Druck den Bezug zu vielen meiner früheren Interessen verloren hatte und begann diese wieder zu aktivieren. Ich spielte wieder Schach und ich gönnte mir Zeit für meine frühere Leidenschaft, das Lesen. Nach einem Besuch des Solebads sass ich oft im grossen Park des Hotels und las. Hilfreich war auch der Kontakt mit Mitpatienten. Bereits von der Klinik aus begann ich mir Gedanken über eine Neuorganisation meiner Arbeitssituation zu machen und einiges neu zu regeln, auch in Absprache mit meinen Kollegen. Die Distanz zur Familie fiel mir anfangs schwer, aber immer mehr spürte ich, wie ich mit meinem Auftauchen aus dem Burnout meiner Frau und meinen Kindern gegenüber wieder mehr echtes Interesse entgegen bringen konnte. Wir hatten einige klärende Gespräche, eines als Familiengespräch in der Klinik, und begannen die Wochenenden bewusster zu gestalten.

Beim Austritt aus der Klinik fiel mir der Abschied nicht nur leicht; es galt, sich von vielen Menschen, die mir in der kurzen Zeit erstaunlich wichtig geworden waren, zu verabschieden. Ich war froh, dass es mir viel besser ging. Ich hatte vielversprechende und hoffnungsvolle Ideen und Pläne, wie ich mein Leben verändern wollte, um nicht wieder in ein Burnout zu geraten. Doch würden diese mir helfen, mit den kommenden Belastungen besser umgehen können?

 
Ein halbes Jahr später

Tatsächlich war es nach Austritt nicht leicht, nicht wieder ins alte Fahrwasser zu gelangen und mich gleich wieder voll in die Arbeit zu stürzen; immerhin hatte sich in meiner Abwesenheit vieles aufgetürmt. Aber meine Kollegen unterstützten mich; gemeinsam organisierten wir die Arbeit neu. Die Abmachungen mit meiner Familie und die Freizeitaktivitäten, die ich bereits von der Klinik aus geplant hatte, erwiesen sich als hilfreich. Wichtig war die ambulante Behandlung bei dem Psychiater, der mich schon vor dem Klinikaufenthalt behandelt hatte. Er unterstützte mich in meiner neuen inneren Haltung: mehr zu Grenzen zu stehen, von andern mehr zu wünschen und zu fordern, besser auf mich zu  schauen und mir etwas zu gönnen. Das tönt alles selbstverständlich und leicht, doch mir war es lange fast unmöglich und fällt mir auch heute noch nicht immer leicht. Dennoch bin ich überzeugt, dass es mir gut tut, diesen Haltungen stärker nachzuleben. Es wirkt sich in den meisten Beziehungen klärend und positiv aus. So ist heute nicht nur mein Burnout, meine Erschöpfung überwunden, nein, mein Leben ist anders als vor der Krise, reicher, vielseitiger, und ich fühle mich mehr als ich selber und nicht nur als „Erlediger und Funktionierender“.

 
 

 


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