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Depression oder Demenz?

«Warum spielt das Grosi nicht mehr mit mir?»

Seit ein paar Wochen freut sich Grosi gar nicht mehr über den Besuch ihrer Enkelin. Sie fragt kaum mehr, wie’s ihr geht, reagiert gereizt und hat keine Lust, mit ihr zu spielen. Oft sitzt sie nur da, schaut zum Fenster hinaus und reagiert kaum auf die aufgeregten Rufe der Kleinen. «Sie ist halt alt geworden», sagt die Mutter zu ihrer Tochter und denkt: «Langsam wird sie wohl dement.» Sie kommt gar nicht auf die Idee, dass das Grosi depressiv sein könnte. Doch das wäre kein Einzelfall, denn etwa jede zehnte Person über 65 Jahren leidet an einer Depression. Das Problem ist: Viele von ihnen werden nicht angemessen untersucht und behandelt. Darum braucht es eine Sensibilisierung von Angehörigen und Hausärzten.

Die Heilungsaussichten bei einer Depression sind bei Jung und Alt dank fortschrittlicher Medikamente und Psychotherapie sehr gut. Doch leider werden Depressionen im Alter oft nicht als solche erkannt. Das kann gravierende Folgen haben: In keiner Altersgruppe ist die Suizidrate so hoch wie bei den über 65-Jährigen.

Depression im Alter von einer Demenz abgrenzen

Bei älteren Menschen äussern sich Depressionen oft nicht so typisch wie bei jüngeren Patientinnen und Patienten. Es kommt zwar auch zu gedrückter Stimmung, Traurigkeit und vermindertem Selbstwertgefühl, jedoch nicht so ausgeprägt. Zudem geht eine Depression meist mit körperlichen Symptomen einher wie Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Gerade bei älteren Menschen gilt es, körperliche Ursachen auszuschliessen, aber auch eine Depression frühzeitig in Betracht zu ziehen. Denn unbehandelte Depressionen können chronisch werden.

Hinzu kommt, dass die Symptome einer Depression teilweise ähnlich sind wie bei einer beginnenden Demenz: Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit wie Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwäche oder Verlangsamung der Reaktionen auf äussere Impulse. Das macht die Abgrenzung einer Depression von einer Demenz schwierig.

Eine anspruchsvolle Diagnose

 «Es ist wichtig, im Einzelfall genau hinzuschauen», sagt Dr. Andreas Schmid, leitender Arzt in der Klinik Schützen Rheinfelden. Er ist spezialisiert auf Psycho­therapie in der zweiten Lebenshälfte und bestätigt: «Die Diagnose ist nicht immer einfach. Die Menschen sagen ja nicht, sie seien depressiv. Gerade ältere Männer sind eher zurückhaltend, wenn es darum geht, über sich selbst zu sprechen. Sie geben kaum Hinweise über ihren Gemüts­zustand.»

Die Diagnose wird manchmal auch erschwert, weil gleichzeitig eine Demenz und eine Depression vorliegen können. Gerade eine beginnende Demenz löst oft depressive Symptome aus, weil die Betroffenen wahrnehmen, wie sie ihre geistigen Fähigkeiten nach und nach verlieren. Wenn die Depression stark ausgeprägt ist, empfiehlt sich eine stationäre Abklärung, um eine klare Diagnose stellen zu können.

Gute Behandlungsmöglichkeiten bei Depression

Eine möglichst frühe und klare Abgrenzung zwischen Demenz und Depression ist wichtig, denn Depressionen können viel wirkungsvoller behandelt werden. Bei den meisten Demenzerkrankungen, wie beispielsweise Alzheimer, werden zwar Symptome behandelt, doch heilbar ist die Erkrankung nicht. Im Gegensatz dazu bestehen bei der Behandlung einer Depression mit Medikamenten und Psychotherapie gute Aussichten auf Heilung. Dabei werden Betroffene meistens ambulant behandelt. Das hat den Vorteil, dass sie möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld bleiben können. «Erst wenn Patientinnen oder Patienten ihren Alltag nicht mehr allein zu meistern vermögen oder die Angehörigen mit der Situation überfordert sind, ist ein stationärer Aufenthalt nötig», erklärt Dr. Andreas Schmid.

Mögliche Anzeichen einer Depression im Alter

Das Älterwerden an sich mit dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, organische Erkrankungen, körperliche Einschränkungen oder soziale Faktoren wie der Verlust des Partners und schliesslich die Angst vor dem eigenen Sterben: Es gibt viele Faktoren, die im Alter zu einer Depression führen können. Die Anzeichen dafür unterscheiden sich nicht grundsätzlich von einer Depression bei jüngeren Menschen:

  •  Andauernde Niedergeschlagenheit, Traurigkeit
  • Interessensverlust und Antriebslosigkeit
  • Distanzierung zur Umwelt
  • Mangelndes Selbstvertrauen, Alltägliches wird zur Herausforderung
  • Pessimismus und Rückzug vor dem Alltag
  • Konzentrationsschwäche
  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Innere Unruhe
  • Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
  • Schmerzen

 Einen ersten Anhaltspunkt darüber, ob eine Depression vorliegt, gibt die Geriatrische Depressions-Skala GDS. Der Test wurde speziell für ältere Menschen entwickelt und beinhaltet 15 Fragen, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind. Stellt die Hausärztin oder der Hausarzt eine mögliche Depression fest, kann er oder sie die betroffene Person an einen Spezialisten überweisen.

 

VERÖFFENTLICHT AM 18. JULI 2018

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