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Burnout: Darüber reden ist der erste Schritt zur Besserung.

Ist Burnout eine Mode-Diagnose oder eine ernst zu nehmende Krankheit? – Wie erkennt man ein Burnout, was sind Ursachen dafür, und kann man einem Burnout vorbeugen? Frau MSc Sandrine Burnand leitet zusammen mit Frau Dr. med. Almut Koss in der Klinik Schützen Rheinfelden die Abteilung für individuelle Psychotherapie und beantwortet hier Fragen rund um das Burnout-Syndrom.

Sandrine Burnand, was sind typische Symptome für ein Burnout?

Es gibt wohl sehr viele mögliche Anzeichen für ein Burnout. Die wichtigsten sind sicher schwere psychische und körperliche Erschöpfungszustände, Veränderungen in der Stimmung und Leistungseinbrüche. Es können aber auch körperliche Symptome auftreten wie Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, Blutdruckprobleme, Schwindel oder diverse, nicht somatisch erklärbare Schmerzen. Entscheidend für die Definition Burnout ist, dass äussere andauernde Belastungen diese Symptome verursachen, sei es im Beruf oder privat. Sehr oft gibt es eine Kumulation von beruflichen und privaten Belastungen.

Burnout wird manchmal als Mode-Diagnose bezeichnet. Was sagen Sie dazu?

Der Begriff Burnout wird oft ungenau verwendet und ist den Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen zugeordnet und somit keine Diagnose im eigentlichen Sinn. Die erwähnten äusseren Belastungen können ganz unterschiedliche Folgen haben. In einem frühen Stadium, wenn die Symptome wenig ausgeprägt sind, reichen oft Massnahmen zur Stressbewältigung: die richtige Priorisierung von Aufgaben, eine klare Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit mit genügend Erholung. Bei einem fortgeschrittenen Burnout kann sich daraus eine Erschöpfungsdepression entwickeln. Dies ist eine Erkrankung, die professionell behandelt werden soll.

Also ist Burnout ein anderer Begriff für Depression?

So kann man das nicht sagen. Aber fast immer gibt es bei einem Burnout depressive Symptome. Viele Menschen sind eher bereit, über ihr Burnout, als über ihre Depression zu sprechen. Psychische Erkrankungen sind leider auch heute noch teilweise ein Tabu. Insofern tragen der Begriff Burnout und die öffentliche Diskussion darüber zu Enttabuisierung bei und dienen als «Türöffner» für eine psychotherapeutische Behandlung.

Was raten Sie einer Person, die an einem Burnout leidet?

Wichtig ist, dass sie die Symptome ernst nimmt und frühzeitig darauf reagiert. Beim Hausarzt/Hausärztin sollten zuerst körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden, zu denen die Symptome auch passen könnten. Dann ist eine gründliche Abklärung bei einem Psychotherapeuten/Psychotherapeutin angebracht, um rasch die richtige Behandlungsform zu finden. Früh einsetzende Behandlungen verringern das Leiden der Betroffenen und ihrer Angehörigen, verkürzen die Krankheitsdauer und verhindern psychosoziale Folgen wie Arbeitsunfähigkeit oder sozialen Rückzug, die die Krankheit noch verstärken.

Apropos Arbeitsunfähigkeit: Aus Angst, den Job zu verlieren, scheuen sich viele Arbeitnehmer, über Burnout-Symptome zu reden. Was raten Sie: über Burnout reden oder nicht?

Eine Krankheit zu akzeptieren und darüber zu reden, ist ein erster Schritt zur Besserung. Eine Studie (http://www.pbl.ch/uploads/media/Praesentation_Corina_Schweighauser_und_Felix_Werner.pdf, Seite 4) zeigt zudem, dass die frühe Information der Vorgesetzten zum Erhalt des Arbeitsplatzes beiträgt, auch bei längerem Arbeitsausfall aus psychischen Gründen. Arbeitgeber müssen informiert wissen, wenn jemand krank ist und wie lange jemand ausfallen wird. Ansonsten verstärkt sich die Verunsicherung aufseiten des Arbeitgebers.

Es ist aber nicht ganz einfach, der Chefin oder dem Chef zu sagen: Ich habe keine Kraft mehr.

Ja. Einfach ist das nicht. Darum kann es sinnvoll sein, wenn die Behandelnden (Ärzte, Psychotherapeuten) den Arbeitgeber mit Einverständnis des Patienten in die Therapie einbeziehen und zusätzlich gezielt informieren. Bei allem, was den Arbeitsplatz betrifft, ist eine gute Kommunikation zwischen Patient, Arzt/Psychotherapeut und Arbeitgeber sehr wichtig. In der Klink Schützen Rheinfelden suchen und fördern wir diese Kommunikation und laden direkte Vorgesetzte und/oder Personalverantwortliche zu Gesprächen ein, wenn der Patient oder die Patientin damit einverstanden ist. Es geht ja von Anfang an auch darum, die Integration ins Berufsleben nach der Therapie optimal zu gestalten.

Was erwarten Burnout-Patientinnen und -Patienten in der Klinik Schützen Rheinfelden?

In der Klinik erfolgt zuerst eine sorgfältige medizinische und psychiatrische Abklärung. Der Patient/ die Patientin findet hier Schutz und Ruhe und wird mit breiten, individuell zugeschnittenen interdisziplinären Therapien intensiv behandelt. In einem 1. Schritt werden die akuten Symptome gelindert, in einem 2. Schritt die Fähigkeiten und Ressourcen gefördert, um den Anforderungen im Alltag wieder bewältigen zu können. Angehörige und Arbeitgeber werden bei uns, wenn immer möglich, eng in die Behandlung mit einbezogen. Auf eine gute Austrittsvorbereitung legen wir grossen Wert.

Werden bei der Behandlung auch Medikamente eingesetzt?

Bei ausgeprägter Symptomatik wird eine Psychopharmakotherapie thematisiert. Oft kann das zu einer wesentlichen Besserung, z. B. des Schlafes oder des Antriebs führen. Wir ergänzen die Behandlung ausserdem mit komplementärmedizinischen Methoden und Chronotherapie (Wach- und Lichttherapie) zur Stabilisierung von Schlafstörungen. Diese Behandlungsansätze zeigen gute Erfolge.

Oft sind es Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst, die anfällig für ein Burnout sind. Ist dieser Perfektionismus auch Thema in der Behandlung?

Selbstverständlich. Charakter- und Persönlichkeitsmerkmale, die ein Burnout begünstigen, werden in der Therapie thematisiert. Bei einem Hang zum Perfektionismus ist es wichtig, dass man lernt, auch mit weniger zufrieden zu sein. Oft kann ein fragiles Selbstwertgefühl, das Betroffene durch übermässige Leistungen kompensieren wollen, ein Burnout begünstigen.

Gibt es Berufe, die ein Burnout besonders begünstigen?

Die Arbeitsbedingungen sind entscheidender als die Branche. Oft führt auch die Kumulation von beruflichem Stress und privaten Belastungen zu einem Burnout. Dabei gilt es zu beachten, dass auch grundsätzlich positive Situationen wie ein Hausbau, ein Umzug oder eine wichtige Prüfung der Kinder Menschen belasten können. Die Energie, die man dafür aufbringen muss und durchaus auch will, kann dann beispielsweise zusammen mit Stress am Arbeitsplatz zu einer Überbelastung werden. Oft sind auch Menschen, die unbezahlte Familienarbeit leisten, beispielsweise kranke Angehörige pflegen, von einem Burnout betroffen.

Menschen, die auf ein Burnout hinsteuern, reduzieren oft temporär das Arbeitspensum, um sich zu entlasten. Ist das eine zielführende Massnahme? Oder ist eine Therapie zwingend notwendig?

Wenn die freie Zeit sinnvoll genutzt wird, um zu regenerieren, kann es eine zielführende Massnahme sein. Die Schwierigkeit ist aber, dass Menschen mit einem ausgeprägten Burnout oft so erschöpft sind, dass sie die freie Zeit nicht positiv nutzen können. Wenn sie dann nur im Bett liegen und sich nicht motivieren können, hinauszugehen, Sport zu treiben, etwas Positives zu unternehmen, dann kann diese freie, aber ungenutzte Zeit die Belastung noch verstärken. Wenn Betroffene bei reduziertem Arbeitspensum nach 2 oder 3 Wochen keine Besserung der Stimmungslage und des Antriebs verspüren, empfehle ich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Meistens kann eine Therapie ambulant durchgeführt werden. Nur bei ausgeprägten Symptomen und wenn eine klare Distanzierung vom gewohnten Umfeld sinnvoll ist, ist eine stationäre Therapie angezeigt.

Wie lange dauert in der Regel eine Burnout-Therapie?

Das ist sehr individuell und hängt von verschiedenen Faktoren ab: Wie ist die persönliche Lebenssituation? Welche Symptome treten wie stark auf? Wie ist das soziale Umfeld? Das alles kann die Dauer einer Therapie beeinflussen. Manchmal sind kurze Interventionen schon hilfreich, manchmal braucht es länger.

Wie gross ist das Rückfallrisiko nach einem überwundenen Burnout?

Das Rückfallrisiko hängt von sozialen, psychologischen und physiologischen Faktoren sowie vorhandenen Ressourcen ab. Niemand kann im Voraus sagen, ob und welche grösseren Belastungen auf einen zukommen werden. In der Regel lernen Burnout-Betroffene in der Therapie, besser mit Belastungen umzugehen. Aber jeder Veränderungsprozess bei Menschen braucht Zeit, Geduld und Übung, um sich von gewissen Verhaltensmustern zu lösen.

Kann man einem Burnout vorbeugen?

Zum Teil Ja. Man unterscheidet zwischen individueller Prävention und Prävention am Arbeitsplatz. Die individuelle Vorsorge ist einfach und entspricht der allgemeingültigen Vorstellung eines gesunden Lebens: genügend Schlaf und Erholung, gesunde Ernährung, viel Bewegung.
Am Arbeitsplatz geht es um eine gesunde Kommunikations- und Konfliktkultur. Hilfreich ist die entsprechende Schulung von Führungskräften, um psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und richtig damit umzugehen. Wertschätzung, transparente Informationen, Respekt und Fairness sind wichtige Faktoren für eine gesunde Arbeitsatmosphäre. Aber auch Abwechslung am Arbeitsplatz (Vermeidung von eintönigen und immer gleichen Aufgaben) können einem Burnout vorbeugen.

Bietet die Klinik Schützen Rheinfelden Unternehmen und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Unterstützung für Burnout-Prävention?

Immer wieder machen wir Vorträge zum Thema Burnout, Psychosomatik oder Integration in den Alltag nach einer psychischen Erkrankung. Wir überlegen uns hier auch einen systematischen Ansatz, weil wir davon überzeugt sind, dass das entsprechende Wissen in den Unternehmen ein wichtiger sozialer und wirtschaftlicher Beitrag zur Burnout Prävention ist.

VERÖFFENTLICHT AM 06. JUNI 2018

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